


Telgte, 27.01.2026
Am Montag, den 26. Januar 2026, folgten zahlreiche interessierte Bürgerinnen und Bürger aus Telgte, Münster und der Umgebung der Einladung des Vereins Erinnerung und Mahnung Telgte, der Stadt Telgte, des St. Rochus-Hospitals, der katholischen und evangelischen Kirchengemeinden, des RELíGIO sowie des Maria-Sibylla-Merian-Gymnasiums zu einer bewegenden Veranstaltung in der Aula des Schulzentrums. Gemeinsam gedachten die Gäste der Opfer des Nationalsozialismus und richteten den Blick besonders auf die Lebenswege jüdischer Rückkehrer aus dem Kreis Warendorf nach 1945 – ein deutliches Signal für eine lebendige Erinnerungskultur und gegen das Vergessen.
Den musikalischen Auftakt gestaltete das Quartett Saxibylla, das mit einfühlsamen Klängen den Rahmen für die Veranstaltung schuf. In ihrer Begrüßung betonte Schulleiterin Mechthild Rövekamp-Zurhove die Bedeutung der Erinnerungskultur: „Es darf niemals Schluss sein mit der Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit. Nur wenn wir uns erinnern, bleiben wir Menschen und menschlich.“ Auch Bürgermeisterin Katja Behrendt unterstrich in ihrem Grußwort die Aktualität des Gedenkens: „Gedenken ist immer gegenwartsbezogen. Es stellt Fragen an uns heute: Wo sehen wir Ausgrenzung? Wo werden Menschen auch heute herabgewürdigt? Wo schweigen wir, obwohl Widerspruch eigentlich nötig wäre? Gerade deshalb ist das Gedenken keine rückwärtsgewandte Pflicht, sondern eine aktive demokratische Praxis.“
Einen besonderen Beitrag leisteten Nicole und Moritz, eine Schülerin und ein Schüler aus dem Geschichtsleistungskurs des Gymnasiums. Sie interpretierten zwei Karikaturen: Die erste, „How the Beasts Begin“ von David Low aus dem Jahr 1943, zeigt, wie alltägliche Vorurteile und das Wegschauen der Mehrheit den Nährboden für das Grauen des Holocaust bereiteten. Die zweite Karikatur, gezeichnet von Marco De Angelis im Jahr 2017, thematisiert die fortdauernde Gefahr des Vergessens und der Leugnung. Die tätowierte Nummer auf dem Arm eines KZ-Häftlings entpuppt sich als Datum – 27.01.2017 – und verweist darauf, dass die Verantwortung für das Erinnern bis in die Gegenwart reicht. „Erinnerungskultur ist eben kein passives Gedenken, sondern ein aktiver Schutz für die Gegenwart. Ein Schutz vor den Worten, die bei Low den Anfang markieren und bei De Angelis die Wunden des Nationalsozialismus offen halten“, fassten die beiden ihre Gedanken zusammen.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand der Vortrag von Dr. Knut Langewand, Leiter des Kreisarchivs Warendorf. Unter dem Titel „Neuanfang. Jüdische Rückkehr und Ansiedlung nach 1945“ schilderte er eindrücklich die Herausforderungen, denen jüdische Überlebende nach ihrer Rückkehr in die Region begegneten. Dr. Langewand machte deutlich, dass der Begriff „Neuanfang“ für die meisten Überlebenden eine Illusion blieb: „Neuanfang – allein das Wort ist schon problematisch in diesem Zusammenhang, denn für keinen derjenigen Jüdinnen und Juden, die 1945 oder danach zurückkamen, gab es eine Stunde Null.“ Viele kehrten in zerstörte oder enteignete Häuser zurück, mussten materielle Not und Unsicherheit bewältigen und lebten oft Tür an Tür mit ehemaligen Tätern oder Mitläufern. Anhand bewegender Einzelschicksale, wie der Familien Riebak aus Ahlen und Mundinger aus Telgte sowie des in Warendorf beheimateten späteren Präsidenten des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, wurde deutlich, wie schwierig und oft schmerzhaft der Weg zurück in ein normales Leben war. Dr. Langewand betonte, dass die Rückkehrer sowohl mit den Folgen der Verfolgung und dem Verlust ihrer Angehörigen zu kämpfen hatten, als auch mit einer Gesellschaft, die sich erst langsam ihrer Verantwortung stellte.
Pfarrer Sacha Sommershoff von der Evangelischen Kirchengemeinde Telgte sprach den Dank aller Kooperationspartner aus und würdigte das Engagement der Beteiligten: „Mein besonderer Dank gilt vor allem dem Verein Erinnerung und Mahnung, der uns immer wieder zusammenruft und dafür sorgt, dass das Gedenken in Telgte lebendig bleibt.“ Im Anschluss an die Veranstaltung nutzten viele Gäste die Gelegenheit, bei Getränken und jüdischen Spezialitäten aus der Bäckerei St. Nikolaus miteinander ins Gespräch zu kommen und die Eindrücke des Abends gemeinsam zu reflektieren.
Dr. Barbara Elkeles, Vorstandsvorsitzende des Vereins Erinnerung und Mahnung Telgte, blickte am Ende der Veranstaltung auf die Bedeutung des gemeinsamen Erinnerns: „Gerade in einer Zeit, in der antisemitische und menschenfeindliche Tendenzen wieder spürbar werden, ist es wichtiger denn je, die Geschichte wachzuhalten und daraus Verantwortung für die Gegenwart zu übernehmen. Die Vielfalt der Beiträge und die große Resonanz zeigen, dass das Gedenken in Telgte lebendig ist und Menschen verbindet. Unser Ziel bleibt, den Dialog zu fördern und die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus als Mahnung für eine offene und solidarische Gesellschaft zu bewahren.“
(…)
Pressekontakt:
Carolin Bartnick, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation St. Rochus Hospital Telgte carolin.bartnick@srh-telgte.de

Wie das Grauen seinen Anfang nimmt – Von beiläufigen Worten zu
Gaskammern
Moritz:
Heute, am 27. Januar, gedenken wir der Befreiung des Konzentrations- und
Vernichtungslagers Auschwitz. Wir erinnern an Millionen von Menschen, die
entrechtet, entmenschlicht und ermordet wurden – und an einen
Zivilisationsbruch, der bis heute nachwirkt.
Dieses Gedenken richtet sich jedoch nicht allein auf die Vergangenheit. Es
fordert uns ebenso dazu auf, nach den Ursachen zu fragen und nach der
Verantwortung, die sich daraus für uns heute ergibt. Wie konnte es zu diesen
Gräueln des Nationalsozialismus kommen? Die folgende Rede setzt sich mit
dieser schleichenden Entwicklung auseinander.
Nicole:
Heute betrachten wir zwei Karikaturen, die Jahrzehnte auseinanderliegen, sich thematisch jedoch genau mit den Ursachen befassen.
Moritz:
Beide stellen dieselbe zentrale Frage: Wo beginnt etwas so Unvorstellbares wie der Holocaust eigentlich? Beginnt es mit den hasserfüllten politischen Reden des NS-Regimes – oder vielleicht doch viel früher, viel kleiner, viel alltäglicher?
Nicole:
Diese Frage begegnet uns auch in der Gegenwart immer wieder, und genau
darauf wollen wir heute eine Antwort suchen.
Moritz:
Die Materialien, die uns dabei helfen, stammen zum einen von David Low aus
dem Jahr 1943 und zum anderen von Marco De Angelis aus dem Jahr 2017.
Nicole:
Anhand dieser beiden Karikaturen wollen wir untersuchen, wie sehr sie uns
dazu zwingen, über die Macht von Worten nachzudenken – damals wie heute.
Moritz:
Wir haben es also einerseits mit einer zeitgenössischen Karikatur eines
britischen Zeichners zu tun, entstanden mitten im Kriegsgeschehen, und
andererseits mit einer Karikatur aus der jüngeren Gegenwart. Letztere ist keine Quelle für die damalige Zeit selbst, sondern für die heutige Deutung und
Bewertung der nationalsozialistischen Verbrechen.
Nicole:
Beginnen wir mit David Low. Seine Karikatur von 1943 trägt den Titel „How the Beastly Business Begins“ – auf Deutsch: „Wie das Grauen seinen Anfang
nimmt“. Auffällig ist sofort der starke Kontrast zwischen zwei Bildebenen.
Moritz:
Im Hintergrund sehen wir das pure Grauen der Shoah: Galgen, Leichenberge,
Menschen, die in eine Gaskammer getrieben werden.
Nicole:
Im Vordergrund hingegen, klar abgetrennt durch einen Kreis, befindet sich eine scheinbar harmlose, banale Alltagsszene. Zwei Frauen unterhalten sich beim Einkaufen, fast schon beiläufig.
Moritz:
Was bewirkt der Karikaturist mit diesem zynischen Kontrast?
Nicole:
Gerade diese Normalität bildet den eigentlichen Schock der Karikatur. Low
schreibt der einen Frau das Wort „Bigotry“ auf die Schürze – also
Scheinheiligkeit.
Moritz:
Damit meint er jedoch nicht bloß einfache Vorurteile. Gemeint ist vielmehr eine starre, unbelehrbare Form von Hass. Die Frau äußert den antisemitischen Satz: „Es muss die Schuld der Juden sein.“
Ihre Gesprächspartnerin ist mit „Ignorance“, also Ignoranz, bezeichnet. Sie
schaut überrascht, bleibt aber stumm.
Nicole:
Sie widerspricht nicht. Ignoranz trifft auf Intoleranz.
Moritz:
Ist das nicht eine extrem steile These? Dass eine beiläufige, scheinbar harmlose Bemerkung letztlich den Weg in die Gaskammern ebnet?
Nicole:
Genau das ist Lows Aussage. Der Titel ist Programm. Er zeichnet eine direkte
Kausalkette.
Moritz:
Er sagt nicht, dass diese einzelne Frau verantwortlich ist. Er sagt: Diese
Haltung, dieses alltägliche Gerede bildet den Nährboden. Das Gift sickert
langsam ein.
Nicole:
Ohne die alltägliche Akzeptanz von Hass und das Wegschauen der Ignoranz
wäre die systematische Vernichtung nicht denkbar gewesen. Der Kreis trennt
die Szenen nur scheinbar – tatsächlich sind sie untrennbar miteinander
verbunden.
Moritz:
Das ist also die Perspektive von 1943, gezeichnet, während das Grauen
geschah. Doch das Thema endet nicht dort.
Nicole:
Leider nicht. Und damit kommen wir zu Marco De Angelis.
Moritz:
Seine Karikatur stammt aus dem Jahr 2017. Sie wirkt auf den ersten Blick leiser und persönlicher.
Nicole:
Sie ist stark reduziert. Kein Massensterben, sondern eine einzelne Figur: ein
anonymer KZ-Häftling, der stellvertretend für Millionen steht. Im Hintergrund ist Stacheldraht zu sehen. Die Perspektive bleibt bewusst unklar – steht der
Häftling befreit vor dem Lager oder blicken wir aus dem Inneren heraus?
Moritz:
Diese Unklarheit ist sicher kein Zufall.
Nicole:
Nein. Der Zeichner spielt gezielt mit dieser Perspektive, um die Frage
aufzuwerfen, ob die Häftlinge wirklich frei sind. Gleichzeitig gibt er eine klare
Antwort.
Moritz:
Wir sehen die Person nur vom Hals abwärts, doch die Arme fallen sofort ins
Auge. Auf dem rechten Arm befindet sich eine eintätowierte Zahlenfolge.
Nicole:
Schau genauer hin – was erkennst du?
Moritz:
2.7.0.1.1.7. Das ist keine Häftlingsnummer, sondern ein Datum.
Nicole:
Genau. Der 27. Januar 2017 – der Holocaust-Gedenktag.
Moritz:
Damit wird eine direkte Verbindung zur Gegenwart hergestellt.
Nicole:
Ganz bewusst. Die Karikatur erschien genau an diesem Tag. Und nun
betrachten wir den linken Arm.
Moritz:
Dort steht das Wort „Negationism“ in roten Buchstaben. Negationismus
bezeichnet die Leugnung, Verharmlosung oder Relativierung von Völkermorden, insbesondere des Holocaust. Es wirkt fast wie …
Nicole:
… ein frisches Brandmal, aus dem noch Rauch aufsteigt. Als würde dem
Überlebenden ein zweites Mal Gewalt angetan.
Moritz:
Warum Rauch? Ist das nur Ausdruck von Schmerz, oder steckt mehr dahinter?
Die Assoziation mit den Krematorien ist kaum zu vermeiden.
Nicole:
Diese Doppeldeutigkeit ist sicher beabsichtigt. De Angelis führt Lows Gedanken konsequent weiter.
Moritz:
Wie genau?
Nicole:
Während bei Low Worte den Anfang des Grauens markieren, reißen sie bei De
Angelis die Wunden immer wieder neu auf. Worte werden zur bis in die
Gegenwart fortdauernden Form des Grauens.
Moritz:
Die Leugnung der Geschichte ist damit nicht nur eine Beleidigung der Opfer,
sondern ein erneuter Akt der Gewalt gegen die Überlebenden und ihre
Erinnerung.
Nicole:
Fassen wir zusammen: Zwei Künstler, siebzig Jahre voneinander getrennt,
vermitteln dieselbe Botschaft.
Moritz:
Low zeigt, wie alltägliche Worte den Boden für reale Gewalt bereiten.
Nicole:
Und De Angelis zeigt, wie Worte bis heute eine fortgesetzte Form dieser Gewalt darstellen, indem sie das Geschehene entwerten. Beide machen
unmissverständlich deutlich: Sprache schafft Realität. Erinnerungskultur ist
deshalb kein passives Gedenken.
Moritz:
Sondern ein aktiver Schutz für die Gegenwart – ein Schutz vor den Worten, die bei Low den Anfang markieren und bei De Angelis die Wunden des
Nationalsozialismus offenhalten.
Nicole:
Wir haben gesehen, wie eine beiläufige Bemerkung zum Nährboden für
systematischen Mord werden kann.
Moritz:
Und wie die Leugnung dieser Taten eine andauernde Form seelischer Gewalt
darstellt. Erinnerung ist kein Blick zurück, sondern eine Verantwortung in der Gegenwart. Daraus ergibt sich nun eine letzte, entscheidende Frage.
Nicole:
Beide Karikaturen machen deutlich: Der Schutz der Menschenwürde beginnt
bei unserer Sprache. Wo beginnt in unserem eigenen Alltag, in unseren eigenen Worten, in unserem eigenen Handeln die Verantwortung, damit ein solches Grauen niemals wieder seinen Anfang nimmt?
Moritz:
Denn das darf es nicht.
Nie wieder.





